Werbespot von The Guardian: Die Schweine sind die Schweine – oder?

The Guardian hat das Märchen von den drei kleinen Schweinchen in die heutige Zeit und aus der Fantasiewelt in die reale transportiert. Hierbei wird so ziemlich alles referenziert, was wir im Zuge der weltweiten Proteste des letzten Jahres kennen gelernt haben. In diesem Video sind die Schweinchen allerdings die Schuldigen, die den Wolf bei lebendigem Leibe gekocht haben. Kurz nach der Verhaftung und der ersten medialen Durchdringung ist man sich der Schuld der Schweinchen zunächst nicht sicher. Dem Wolf werden Gedenkstätten eingerichtet, andere solidarisieren sich mit den Schweinchen. Es kommen neue Fakten auf, der Wolf soll Asthma gehabt haben. Hektisch werden Online-Simulationen erstellt und Experten zu Rate gezogen. Die Schweinchen werden verurteilt, das Motiv für die Ermordung des Wolfes war finanzieller Natur, sie konnten ihre Miete nicht mehr bezahlen. Neue Schuldige sind schnell gefunden: Die Banken. Die Deutungshoheit verschiebt sich und plötzlich wird aus der Debatte um einen Mord eine internationale Debatte um finanzielle Ungerechtigkeit. Die Menschen üben sich in Identifikation, jetzt sind alle die Schweinchen. Und am Ende stehen wütende Demonstranten mit Schweinsmasken knüppelschwingenden Ordnungshütern gegenüber, die als Mensch so ganz hinter ihrer Uniformierung zurücktreten. Wie konnte es dazu nur kommen? Wer will was und wer hat bloß recht? Den ganzen Überblick erhält man bei den großen Geschichtenerzählern und Katalysatoren: Den Medien.

Was mir neben der Verarbeitung sämtlicher gängiger Kulturtechniken zeitgenössischer Meinungsäußerung besonders gefällt, ist die Tatsache, dass es sich eben um ein Märchen handelt, welches der Auslöser für Interpretation, Rage und schließlich für die Straßenproteste ist.  Und das The Guardian, ob gewollt oder nicht, ironisch auf die eigene Rolle in diesem Mechanismus blickt und sich selbst eine Schlüsselfunktion in all dem Chaos zuweist. Abgesehen davon ist es auch noch ein verdammt gelungener Spot, der alle Kriterien erfüllt, um rasant viral zu werden.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>