Das Wort zum Sonntag: Vatikan 2.0

Religiöse Gemeinschaften haben das Community-Wesen perfektioniert lange vor Erfindung des Internets. Die Glaubensbranche ist eine der größten der Welt, es gibt unzählige Anbieter und einen enormen Konkurrenzkampf. Einer der größten und einflussreichsten Provider der Welt ist der Katholizismus mit seinem Headquarter Vatikan. Dessen CEO geht regelmäßig auf Businessreisen und wird ähnlich frenetisch verehrt wie Steve Jobs. Und das bei einem Kerngeschäft ohne maßgebliche Entwicklung und immaterieller Produktpalette. Eine der entscheidenden Strategien zur Stärkung der Community ist die ungefragte Mitgliedschaft im Kleinkinderalter, noch lange vor der Ausreifung intellektueller Fähigkeiten, die eine Mitgliedschaft in Zweifel ziehen könnten.

Dennoch mangelt es dem Katholizismus an einer kohärenten Kommunikationsstrategie im Social Web. Budget wäre vorhanden ebenso wie eine Zielgruppe gigantischen Ausmaßes. Und trotzdem tut man sich in sakralen Kreisen schwer, wie ein kurzer Blick auf die gängigen Online-Angebote verrät.

Zunächst wäre da die Website des Headquarters. Ein Design aus der Steinzeit, sehr schlechte Usability und die fehlende Integration sämtlicher Social-Media-Kanäle zeichnet diese vorrangig aus. Die lateinischen Bezeichnungen einiger der primären Angebote dürften ebenfalls wenig hilfreich sein.

Dabei sind längst Scoial-Media-Angebote vorhanden, die hier durchaus eingebunden werden könnten. Betrachten wir diese einmal näher. Auf der Fanpage des Papstes ist keine hohe Partizipation seitens der Fans auszumachen. Gerade mal 6.372 Fans insgesamt und das bei über einer Milliarde Katholiken weltweit. Eine derart verschwindend geringe Zahl ist nur durch den eklatanten Mangel an nachhaltigen Web-Strategien und miesem Communitymanagement zu erklären. Mit einer Landingpage, der Ausarbeitung einer Online-Matrix und der Verweis auf andere Fanpages wie die Bibel (immerhin über 130.000 Fans) oder zu Jesus (über 260.000 Fans) könnte man relativ schnell Zugewinne erzielen. Auch Offline-Verweise in jeder druckfrischen Bibel, einer der Weltbestseller auf dem Buchmarkt, könnten helfen.

Der hauseigene YouTube Channel wirkt ebenfalls arg verwahrlost: 24.443 Kanalaufrufe und 381 Abonennten sind purer Hohn bei 538 Videos, die jeden Katholiken mit Internetanschluss in heilige Stimmung versetzen sollten. Auch hier ein Design wie vom Fließband. Das CD ist zwar in der Farbwahl kongruent (päpstliches Pupur). Doch mit weißer Schrift auf hellgrauem Hintergrund ist dem Gläubigen wenig geholfen. Katholiken lieben zwar die Selbstgeißelung, aber derart wichtige Botschaften sollten schon lesbar sein.


Auch der Twitter Channel Vatikan Nachrichten spricht eine deutliche Sprache: 393 Follower an der Zahl – das ist dem Erlöser nicht würdig, der schon zu Lebzeiten wahre Heerscharen an Folgenden hinter sich vereinigen konnte; hätte er doch damals ein iPhone besessen. Vielleicht liegt es auch daran, dass in der Timeline nichts als lethargische Multiplikation des Vatikan-Radiosenders betrieben wird. Keine Anzeichen von Kommunikation, exklusiven Inhalten oder sonstigen Serviceleistungen. Dass man keinem anderen folgt, mag zwar dem Geschäftsprinzip entsprechen, ist für einen erfolgreichen Twitter-Auftritt jedoch nur wenig praktikabel.


Was tun, fragt man sich da in Anbetracht des eklatanten Mangels an Web 2.0-Maßnahmen? Die betreuende PR-Agentur feuern? Oder einfach mal eine anstellen? Die Verantwortlichen müssen sich Ähnliches gedacht haben und zogen Konsequenzen. Die Anwort auf alle Gebete heißt pope2you, der Papst kommt. Am 21. Mai 2009 wurde die Plattform mit dem revolutionären Distributionsansatz gelauncht, um eine weitreichende Online-Offensive zu starten (interessantes Wording). Junge Menschen soll sie via Facebook- und iPhone/iPad-App. anlocken, hier findet man auch die fehlende Verknüpfung zum Vatikan-Channel, die segenreichen Worte des Papstes sind noch Under Construction und ganz unten auf der Website, unaufdringlich integriert, stößt man auch auf ein Sharing-Plugin – himmlisch.

Die Facebook App. ist mächtig, wie der Glaube selbst. Mit ihr kann man nämlich E-Cards versenden… und teilen… und, ne, das wars dann auch schon.

Was sich hinter dem verlockenden Button Pope to You View verbirgt (welch Reim) kann ich leider nicht sagen, da bei mir lediglich folgende Fehlermeldung erscheint:

Ach ja, ein Archiv nach Wikipedia-Vorbild soll es auch geben. Dies ist allerdings direkt von der Website aus nicht ansteuerbar, bei mir erschien das Bild eines Ordners – tote Verknüpfung. Über Google kam ich dann doch noch zum Wikicath, das für die jungen Gläubigen folgendes bereit stellt:

Der Papst hat seine neue Botschaft zum 43. Welttag de Kommunikation besonders für die Jugend geschrieben. Die Anwendung von WIKICATH macht es möglich, die Botschaft auf neue Art, interaktiv und kommentiert zu lesen, mit Hilfe einer Plattform im Stil von WIKI.

Besonders gefällt mir hier die Umsetzung der Sprachauswahl. Die im Wiki aufbereiteten Texte werden zwar übersetzt, die Menüführung unten ist jedoch unverändert auf Italienisch gehalten.

Tote Verknüpfungen, Bereiche, die es nicht gibt, Apps, die nichts können, keine Partizipationsmöglichkeiten, kaum Anhänger, mieses Design, wenige Schnittstellen, kein Dialog: Der Vatikan im Web – Eine göttliche Komödie.

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